ERPokalypse

Es war einmal ein ERP-Projekt, das wollte fachgerecht umgesetzt werden. Drum lud die Geschäftsführerin drei potenzielle Projektmanager zu sich, um sie zu interviewen und zu entscheiden, wer von ihnen dieses wichtige Projekt anführen sollte.

Der erste Projektleiter trat vor und die Geschäftsführerin fragte ihn, wie er gedenke, sein Team anzuleiten. Der Projektleiter reckte bestimmt den Kopf, sein maßgeschneiderter Anzug warf keine einzige Falte (man munkelte, er habe eigens einen Mitarbeiter für das tägliche Dämpfen), und antwortete mit fester Stimme:
„Ohne Struktur kann sich das Projekt nicht entwickeln! Ich sorge für eine eindeutige Rollenverteilung, setze klare Deadlines und führe transparente Kommunikation. Jedes Teammitglied soll seine Verantwortlichkeiten kennen und die Fristen respektieren. Durch diese fest definierte Organisation bleiben wir perfekt im Zeitplan.“

Die Geschäftsführerin nickte, dachte jedoch mit einem leisen Schmunzeln an das letzte Mal, da ihr ein sogenannter perfekter Plan versprochen wurde…

Nun trat der zweite Projektleiter vor. Er hatte bereits bei den Antworten des ersten Befragten entschieden den Kopf geschüttelt und fuhr sich nun durch seine sich auflösende Frisur. Mit federndem Schritt trat er vor und begann, mit großen Gesten zu dozieren:
„So viele starre Strukturen schränken das Team nur ein und führen direkt ins Burnout! Ich lasse meinem Team stets Freiraum, sich zu entwickeln, sich einzubringen und sich kreativ auszuleben. Das Projekt kann nur erfolgreich sein, wenn alle motiviert genug sind und gemeinsam anpacken wollen!“

„Das ist doch Wahnsinn!“, fuhr Projektleiter Nummer 1 dazwischen. „Ohne konkrete Leitung versinkt das Projekt im Chaos! Ohne klare Rollenverteilung oder Termine wird sich das Team wie ein kopfloses Huhn verhalten!“

„Irre Starrköpfigkeit hält Ihre Teammitglieder klein!“ protestierte Projektleiter Nummer 2. „Man muss den Menschen Freiraum geben, sonst ist die Motivation futsch! Außerdem kann man sich in Freiraum viel besser der Dynamik des Projekts anpassen. Ihre ganze Bürokratie ist wie ein Klotz am Bein!“

„Sie wollen sich doch nur vor der Verantwortung drücken“, knurrte Manager Nummer 1. „Leitung bedeutet, dass man eine klare Richtung vorgibt – nicht, dass man alle machen lässt, bis sie Slack in eine Dating-App verwandeln!“

„Mit Ihrer kleingeistigen Bürokratieversessenheit ersticken Sie jede Kreativität im Keim!“

Allmählich heizte sich der Streit auf. Manager 1 und 2 warfen sich gegenseitig immer wüstere Beschimpfungen an den Kopf („Excel-Taliban!“ – „Post-it-Hippie!“). Jemand schmiss ein Flipchart durch den Raum, ein anderer drohte mit der Gewalt einer Prozessbeschreibung. Dramatisch tönte ein Kampfschrei durch den Raum: „Agilität oder Tod!“, der durch einen gut platzierten Hieb mit einem Laptop beantwortet wurde.

Die Geschäftsführerin beobachtete das Ganze mit hochgezogenen Augenbrauen und seufzte schließlich resigniert. Während die beiden Manager mit roten Köpfen umeinander herumtanzten, winkte sie den letzten Kandidaten zu sich. Beide traten unauffällig aus dem Meetingraum und schlossen die Tür, während drinnen bereits ein Whiteboard als Schild zweckentfremdet wurde.

„Nun“, sagte die Geschäftsführerin, „das war ja sehr erbaulich. Wie stehen Sie denn dazu?“ Der letzte Kandidat lächelte milde, legte die Fingerspitzen aneinander und sprach:

„Ehrlich gesagt, ich denke, an beiden Konzepten ist etwas dran. Der Fehler der beiden da drinnen“ – er nickte in Richtung des noch immer polternden Meetingraums, aus dem ein dumpfes ‘SCRUM heißt nicht Wrestling!’ zu hören war – „ist zu glauben, dass Freiraum und Struktur sich gegenseitig ausschließen. Struktur gibt dem Team eine Richtung und einen klaren Blick auf das Ziel, aber tragfähige Lösungen entstehen nur, wenn man auch Spielraum zulässt. Konflikte entstehen immer auf die eine oder andere Weise, das ist fast schon ein Naturgesetz. Das wichtige ist, dass man eine gute Balance zwischen Ordnung und Bewegungsfreiheit kultiviert.“

Die Geschäftsführerin lächelte anerkennend und nickte.
„Das“, sagte sie abschließend, „klingt nach einer sinnvollen Richtung.“ In diesem Moment krachte im Meetingraum etwas, das stark nach einer umgestürzten Kaffeemaschine klang. „Und außerdem“, fügte sie mit Seitenblick auf den Rauch hinzu, der nun aus dem Konferenzraum drang, „sollte man immer einen guten Notfallplan parat haben.“