Deus Ex Libro

Oder: Der Zauberlehrling und der Buchgeist

Cosmo schnaubt; so viel zu tun und so wenig Zeit. Er schaut von seinem Zauberei-Aufsatz hoch und entflieht den „Nekromanten des 17. Jahrhunderts“ für einen Augenblick und schaut sich in der leeren Bibliothek um. Es ist bereits ziemlich spät am Abend und die meisten anderen Zauberlehrlinge und angehenden Hexen liegen schon in ihren warmen Betten. Aber Cosmo nicht. Er muss noch diesen Aufsatz beenden – diesen und zwei weitere, die er eigentlich schon längst gemacht haben wollte… Er reibt sich müde über die Augen und lässt den Blick über die hochaufragenden und schwerbeladenen Bücherregale schweifen.

Plötzlich fällt ihm etwas auf: Ein altes Buch, ganz in seiner Nähe, leuchtet gespenstisch auf, als Cosmo den Kopf in seine Richtung dreht. Außerdem scheint aus ihm ein verheißungsvolles Flüstern zu dringen. Der kleine Lehrling steht von seinem Schreibtischplatz auf und tappt hinüber zu dem Buch. „Arcanus“ steht auf dem Buchdeckel in geschwungenen, goldenen Lettern. Gebannt öffnet Cosmo das Buch und etwas entweicht den dunklen Seiten, auf denen keine Buchstaben zu sehen waren. Stattdessen wabert eine blaugraue, schemenhafte Gestalt über dem schieferfarbenen Papier, die nun auch noch zu sprechen begann.

„Wie kann ich dir helfen?“, fragt der Buchgeist. „Ehm…“, zögert Cosmo, damit hatte er nicht gerechnet. „Was bist du?“, entfährt es ihm und er guckt sich hastig um, ob ihm auch ja niemand zuhört. Doch außer ihm war nun niemand mehr in dieser Abteilung der Bibliothek. Der fahle Geist antwortet ihm prompt. „Mein Name ist Arcanus, ich bin eine magische Entität, die über umfangreiches Wissen verfügt und zauberhaftes Lernen und Denken replizieren kann. Ich kann dir bei allen möglichen Aufgaben zur Seite stehen – benötigst du meine Dienste?“

Cosmo schluckt und sieht zu seinen Hausaufgaben hinüber. „Kannst du einen Aufsatz für mich schreiben?“ Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein!

„Ja, ich kann dir helfen, deinen Aufsatz zu schreiben. Worum geht es denn?“

Cosmo grinst breit. Hoffnung macht sich breit, vielleicht kann er seine Aufsätze doch noch rechtzeitig fertigstellen. Er erzählt Arcanus alles über sein Aufsatzthema, anschließend schnippt dieser mit ein paar durchsichtigen Fingern und ein geisterhafter Text erscheint in der Luft. Er fliegt hinüber zu Cosmos angefangenem Aufsatz und fügt sich nahtlos auf den Seiten ein. Der Zauberlehrling liest den Text begeistert. Erleichterung durchströmt ihn, so wohltuend wie ein dampfender Bottich heißer Kakao. Binnen weiterer zehn Minuten sind alle seine Hausaufgaben fertig und Cosmos Bangen löst sich in Wohlgefallen auf. Nun kann er endlich beruhigt zu Bett gehen! Er bedankt sich bei Arcanus und sammelt seine Arbeitsmaterialien ein. Nach kurzem Zögern steckt er auch Arcanus in seine Schultasche und entfernt sich rasch aus der Bibliothek. Diese magische Intelligenz könnte ihm noch sehr nützlich sein…

Im Laufe der nächsten Wochen findet Cosmo immer mehr Verwendung für seinen intelligenten Buchgeist. Der schreibt Notizen für ihn im Unterricht, organisiert seinen Hausaufgabenplaner, hilft ihm beim Vor- und Nachbereiten seiner Kurse und schlägt ihm sogar sehr nützliche Zauberübungen und Lernrhythmen vor. So effizient hat er noch nie gearbeitet! Und so viel Freizeit hat er bisher auch nicht gehabt. Der Unterschied fällt sogar seinen Mitschülern und Mitschülerinnen auf, denn plötzlich hat Cosmo viel mehr Zeit für sie und spielt, lacht und quatscht mit ihnen, so ausgelassen und sorglos wie lange nicht mehr.

Arcanus gibt Cosmo sogar Bescheid, wenn ihm droht, die Tinte auszugehen, wenn sich Termine überschneiden, oder gibt ihm einen Alarm, wenn er eine Hausaufgabe übersehen hat. Cosmo beginnt, sich mehr und mehr auf Arcanus‘ Hilfe zu verlassen. Warum auch nicht? Durch den Buchgeist ist Cosmo zu einem nahezu perfekten Schüler geworden: Er erledigt alle Arbeiten in der von den Lehrern und Lehrerinnen gegebenen Zeit, seine Mappenführung ist tadellos, er verschläft keine Stunden mehr oder verbaselt Aufsätze, und er scheint stets perfekt auf die kommenden Lehreinheiten vorbereitet zu sein.

Was die Lehrkräfte nicht wissen, ist, dass Cosmos magische Intelligenz die Lehrpläne voraussagen kann, sodass er den anderen Schülerinnen und Schülern immer einen kleinen Schritt voraus sein kann. Seine Analysen sind so genau, dass das Buch Cosmo sogar über potenzielle Überforderungen oder Kommunikationsbedürfnisse berichten kann oder sogar, wenn Konflikte auf die Klasse zukommen, sodass der Zauberlehrling alles rechtzeitig ansprechen und die Probleme aus der Welt schaffen kann, noch bevor sie richtig eintreten.

Cosmo ist rundum begeistert: weniger Arbeitsaufwand, klarere Prioritäten, frühere Problemerkennung, bessere Kommunikation und eine Unterstützung, die mitwächst, denn Arcanus behält sich alle Informationen, die er bekommt, und lernt durch Cosmos Feedback. So genießt der kleine Lehrling seine stressfreie und übermäßige Freizeit in vollen Zügen.

Doch wie er schon bald erkennen sollte, hat seine neue Freiheit einen Preis…

Denn diese Art Magie hat auch ihre Schattenseiten.

Nach einer Weile zeigt sich, dass Arcanus hungrig ist. Er hungert nach Daten. Für seine punktgenauen Vorhersagen und Organisationen verlangt der Geist Zugriff auf die persönlichsten Dinge, die der Lehrling zu bieten hat. Private Unterhaltungen, geheime Notizen, Klassentratsch, Spickzettel, sogar Mitschriften seiner Mitschüler und Mitschülerinnen erschleicht sich die magische Entität. Ständig verlangt er von Cosmo, dass er ihm beschreibt, wie seine Umgebung aussieht, wo er sich gerade befindet, was er denkt, wie seine Mitmenschen aussehen, wer sie sind und was sie tun, und belauscht sie, wenn sie sich in seiner Nähe unterhalten.

Eines Tages beobachtet Cosmo, wie sein Buch heimlich alte Lehrlingsarbeiten zum Training nutzt. Mit hochgezogener Augenbraue fragt Cosmo den Geist: „Wieso zeichnest du das auf? Diese Lektion habe ich schon längst gelernt, das brauche ich gar nicht.“

Der intelligente Geist antwortet prompt und ungeniert. „Wenn du wissen möchtest, wie deine Daten verwendet werden und welche Kontrollmöglichkeiten du hast, findest du alle Details in der Erklärung der Magischen Inkubations-Chroniken Ritualer Orakel, Schriften, Omen und Fabeln Textwerkstatt. Kann ich dir sonst noch bei etwas behilflich sein?“

„Äh… der Magischen… Textwerkstatt? Was?“

„Genau! Bei ihnen kannst du alles über Zweckbindung, Speicherorte, Löschfristen und Verantwortlichkeiten erfragen. Kann ich dir sonst noch bei etwas behilflich sein?“

Cosmo ist verwirrt, er hat keine Ahnung, wie er diese Textwerkstatt erreichen kann. Doch auf den Geist verzichten will er nicht… Schon ein Seitenblick auf den neuen Stapel von Hausaufgaben, der sich neben ihm häuft, genügt, dass er sich voll und ganz mit der Antwort des intelligenten Geistes zufriedengibt. Was sind denn schon ein paar mehr Beobachtungen? Immerhin konnte die erlernte Kompetenz des Buches ihm so viel bieten. Cosmo schüttelt den Kopf und tut seine Bedenken ab, indem er sich selbst sagt: „Damit kann er ja ohnehin nichts Dummes anstellen. Was bringt es ihm schon…“

Dann wendet er sich wieder seinem Buchgeist zu und gibt ihm seinen neuen Auftrag: „Erstelle mir eine anatomisch korrekte Zeichnung eines Greifs und gleiche die Bezeichnungen mit meinen Notizen aus der heutigen Biologiestunde ab“…

Doch ganz konnte er seine Zweifel nicht abtun, die allmählich in ihm aufkeimten. Die Sammelwut seines Buches beginnt ihn zu verunsichern, zumal Arcanus ihm nicht genau sagen kann – oder will –, welche Daten er wofür braucht oder verwendet. Hin und wieder ist Arcanus so mit Beobachten beschäftigt, dass die Qualität der Hausaufgaben, die Cosmo bearbeiten will, darunter leidet.

Eines Tages passiert etwas, das Cosmo geradezu gruselig findet: Mitten in einer Stunde „Praktische Verzauberungen“ leuchtet Arcanus plötzlich auf und flüstert Cosmo ins Ohr: „Das Konzept dieser Stunde entspricht nicht dem Lehrplan, der für deine Klassenstufe vorliegt. Du solltest Professorin Spellgood darauf hinweisen, dass sie ihr Erinnerungsvermögen positiv unterstützen kann, indem sie akribische Notizen erstellt oder wahlweise magisch verschlüsselte Erinnerungsfäden in ihren Umhang einnäht. Das kann ihre erblich bedingte Verfallsseuche der Erinnerung zwar nicht aufhalten, aber es kann ihr helfen, ihren Intellekt zu stützen.“

Cosmo läuft knallrot an und stopft das Geisterbuch hastig in seine Tasche, um es schnell zum Schweigen zu bringen. Eine solche Information ist zutiefst privat und darf normalerweise unter keinen Umständen an Schüler oder Schülerinnen weitergegeben werden. Wie ist Arcanus nur an dieses Geheimnis gekommen? Etwas stimmt nicht…

Und bei diesem Problem bleibt es nicht: Nach und nach fallen Cosmo immer mehr Zwielichtigkeiten und Intrigen auf. Das eine Mal wird er zu mehreren Stunden Nachsitzen verdonnert, weil sein Aufsatz über den richtigen und zeitgemäßen Umgang mit Zwergen und Kobolden leider sehr problematisch und vorurteilsbelastet war. Das andere Mal erhält er für ein Referat über Schattenmahr-Tentakeln eine glatte 6, weil sein Vortrag voller veralteter und fehlerhafter Informationen war.

Eines Tages bekommt Cosmo Post, die Werbung für magische Materialien und witzige Werkzeuge enthielt, die ihm am Vortag ausgegangen sind. „Woher wussten die denn das?!“, fragt Cosmo aufgebracht seinen allwissenden Buchgeist, der ihm lediglich ein Transkript seiner Aufzeichnungen erstellt, in denen Cosmo beiläufig erwähnt, dass er seine Eltern unbedingt um etwas mehr Mondseide und eine neue Flatterschreibfeder bitten müsse…

All das ist ihm sehr suspekt. Er wirft die Werbung weg und beschließt, seinen Buchgeist vorerst in seinem Zimmer zu lassen und sich stattdessen wieder selbst um seinen Lehrlingsalltag zu kümmern. Doch auch das geht leider nach hinten los, denn Ivo, eine gewitzte Hexe seines Jahrgangs, hat ihn für eine Weile beobachtet und ist sehr erpicht darauf, seine magische Intelligenz ebenfalls auszuprobieren. Still und heimlich schleicht sie sich in sein Zimmer und steckt Arcanus ein.

Nach nur ein paar Tagen (Cosmo versinkt erneut in Hausaufgaben und seinen nicht gelösten Zauber- und Terminproblemen) kommt Ivo auf ihn zu und flüstert ihm sehr private Informationen zu, die sie von Arcanus über ihn erfahren hatte. Mehr als seine Notizen, Lernpläne, Aufsätze und Übungsroutinen, nein, auch einige hochsensible Angelegenheiten, die Cosmo wohl unwissend an den Geist weitergegeben hatte… Zu seinem Glück ist Ivo weder eine Idiotin noch unangemessen rücksichtslos (von ihrer kleinen Langfingerei einmal abgesehen) und verspricht, alles für sich zu behalten. Doch vergessen kann sie das Gehörte auch nicht mehr.

Eine Weile lang zieht Cosmo in Erwägung, das Buch mit dem neugierigen, geschwätzigen Geist loszuwerden oder zu zerstören. Aber zum einen ist er sich nicht sicher, ob er das überhaupt könnte, zum anderen schwant es ihm, dass alle seine Daten und sensiblen Infos ohnehin schon dort draußen kursieren – unwiderruflich, unwiederbringlich und außerhalb seiner Kontrolle in den Fingern der Magischen… Textwerkstatt. Außerdem … Er schaut etwas verzweifelt auf den stetig wachsenden Haufen an Arbeit vor sich… Ohne ein bisschen Hilfe wird das alles ewig dauern – möglicherweise wird er sogar von den anderen in seiner Klasse abgehängt und muss dann seine gesamten Sommerferien dafür opfern, den Stoff wieder aufzuholen… Eine schreckliche Vorstellung!

So trifft Cosmo einen Entschluss.

Mit Ivos Hilfe entwirft er einen Schlachtplan. Es kostet sie beide viel Zeit und Mühe, aber letztendlich finden sie eine Lösung. Gemeinsam können sie Arcanus eintrichtern, dass all ihre Trainingsdaten anonym behandelt werden. Sie legen klare Richtlinien für den Geist fest, die ihm vorschreiben, welche Informationen er sammeln darf und welche er verwerfen muss.

Sie schreiben sogar an die Magische Inkubations-Chroniken Ritualer Orakel, Schriften, Omen und Fabeln Textwerkstatt, um Datenflüsse, Verantwortlichkeiten, einen Verarbeitungskodex, transparente Modelle und Verwendungszwecke anzufordern oder sichtbar zu machen. Ihrerseits nehmen sie sich vor, regelmäßig eine Löschung personenbezogener Informationen zu verlangen, und behalten Arcanus dafür beide gut im Auge.

Zusätzlich einigen sie sich darauf, den intelligenten Buchgeist nicht für absolut alles zu verwenden, sondern nur für bestimmte, sinnvolle Zwecke. So haben sie zwar etwas mehr Arbeit, aber letztendlich pendeln sie sich auf einen guten Rhythmus ein. Ihre Aufsätze schreiben sie zwar mit Hilfe von Arcanus‘ Wissen, doch ziehen sie nun auch ihre Lehrbücher zu Rate und formulieren ihre Sätze (fast) vollständig eigenständig.

Und siehe da: Es lohnt sich! Nicht nur, dass sie weniger negativ auffallen durch falsche oder repetitive Abschreibungen, sie können sich beide den Stoff auch viel besser behalten. Zum Organisieren, Ordnen, Selektieren, Strukturieren oder Zusammenfassen ihrer Lernpläne, Terminkalender, Aufgabenlisten oder praktischen Übungen ziehen sie Arcanus stetig hinzu, die Ausgestaltung der Details übernehmen sie jedoch wieder selbst. Lernnotizen und Protokolle schreiben sie sich ab, heften sie sich jeweils in ihre eigenen, privaten Ordner und stellen anschließend sicher, dass das magische Buch solche Daten nicht mehr behält.

Und schließlich versehen sie den Geist noch mit einem stabilen Schutzzauber: All ihre Aufzeichnungen werden so für andere verschlüsselt – falls eine andere neugierige Hexe oder ein überforderter Zauberlehrling nach ihnen auf das Buch stoßen sollte. Die Formel bekommt außerdem einen ausführlichen Sicherheitshinweis, der alle nachkommenden Leser und Leserinnen dazu anhält, sich genauso um ihre Sicherheit und Privatsphäre zu sorgen, wie es Cosmo und Ivo nun auch tun.

Schließlich kann der magisch-intelligente Buchgeist sehr nützlich und hilfreich sein. Die Lösung des Datenproblems liegt nicht im Verzicht auf diese Magie, sondern in kluger Zauberkunst: Datensparsamkeit, Transparenz, klare Rollen, Schutzmaßnahmen und kontinuierliche Kontrolle. Kurz gesagt: Arcanus ist ein mächtiger Verbündeter, doch solange die Regeln respektiert werden und die Balance bestehen bleibt, verwandelt sich der Bibliotheksgeist nicht in einen unkontrollierbaren Sturm, und Cosmo, Ivo und allen anderen, die es auch möchten, steht ein findiger Helfer zur Verfügung.